Verwaiste Babymäuse – Anleitung zur Aufzucht per Hand

Immer wieder werden bei Gartenarbeiten, Spaziergängen oder ähnlichen Gelegenheiten kleine Mäusekinder gefunden, die noch nicht entwöhnt sind. Manchmal verstirbt bei Haustieren auch die Mutter zu früh. Die Aufzucht dieser Waisenkinder ist zum Leidwesen der unfreiwilligen Mäuseersatzeltern nicht immer von Erfolg gekrönt. Es gibt aber Grundregeln, die die Chancen der Babymäuse wesentlich erhöhen können.

1. Haus- und Wildmausaufzucht – Die Aufnahme

Handelt es sich bei dem Baby um ein verwaistes Wildtier, ist eine Parasitenkontrolle obligatorisch. Deutlich sichtbare Ektoparasiten wie Läuse oder Milben sollten Sie absammeln, abwischen oder – so schon Fell vorhanden ist – abkämmen und so den Parasitendruck mindern. So wird der Organismus des Babys entlastet und der kleine Körper kann mehr Reserven für das Überleben und Wachsen einsetzen. Ein Ardap-Ring rund um das Behältnis der Kinderstube verhindert die Ausbreitung mobiler Parasiten wie der Tropischen Rattenmilbe. Frühestens mit etwa 18-20 Tagen sollten Sie den Kleinen ein Antiparasitikum verabreichen. Optisch parasitenfreie Babys mit einwandfreier Verdauung können zwar Träger von Endoparasiten sein. Ohne Anlass sollten Sie diese aber nicht behandeln.
Bei der Aufzucht verwaister Haustiere entfällt die Parasitenkontrolle.
Neben einem Blick auf die Parasiten ist Gewichtskontrolle zur Aufnahme sinnvoll. Diese sollte später fortgesetzt werden.
Wurde ein Baby von der Katze gebracht und verletzt, ist eine Antibiose unumgänglich. Suchen sie mit dem kleinen Findling einen Tierarzt auf und lassen Sie ihn mit einem gegen Pasteurellen wirksamen Antibiotikum behandeln.

Wildmaus gefunden – aber welche?

Wer eine Wildmaus findet, will oft sofort wissen: Welche Mäuseart habe ich da eigentlich gefunden? Je kleiner die Findlinge sind, umso schwieriger lässt sich das sagen. Bis die Jungtiere die Augen öffnen, ist die Artbestimmung jedoch noch nicht so wichtig. Eine Waldmausaufzucht unterscheidet sich anfangs nicht von der Aufzucht kleiner Feldmäuse oder einer Hausmaus. Einzig Spitzmäuse lassen sich schon als neugeborene Mäusekinder dank der markanten Nase eindeutig identifizieren.

Wichtig wird die Artenfrage erst, wenn die Milchmahlzeiten nach und nach durch feste Nahrung ersetzt werden sollen und Sozialpartner gesucht werden, die den Findling bis zur Auswilderung begleiten sollen. Besonders häufig gefunden werden in Deutschland:

  • Waldmäuse
  • Gelbhalsmäuse
  • Rötelmäuse

Wildmäuse in der Handaufzucht – Was ist mit Hanta?

Wenn Sie Wildmäuse zur Aufzucht aufnehmen, besteht immer das Risiko, dass der Findling ein Träger des Hanta-Virus ist. Prominente Virusträger sind Rötelmäuse und Brandmäuse. Seltener tragen auch Ratten, Gelbhalsmäuse, Feldmäuse und Erdmäuse das Virus. Finder von Haus- und Waldmäusen können also aufatmen. Mit der Einhaltung simpler Hygienemaßnahmen ist aber auch die Aufzucht potenzieller Träger unproblematisch. Waschen Sie sich nach dem Kontakt mit dem Baby gründlich die Hände oder tragen Sie Handschuhe. Verwenden Sie beim Reinigen des Geheges später eine Staubmaske. Nähere Informationen zum Virus, seinen Endemiegebieten und den Vorsichtsmaßnahmen können Sie auch dem Infoblatt des Robert-Koch-Instituts entnehmen.

Meine persönliche Empfehlung: Immunsupprimierte Menschen sollten den Findling in jedem Fall an einen Pfleger mit gesundem Immunsystem abgeben.

2. Verwaiste Mäusekinder füttern

Ca. 12 Tage alte Waldmaus
Putzen nach der Milchmahlzeit: Ca. 12 Tage alte Gelbhalsmaus

Am besten zur Aufzucht geeignet ist Welpenaufzuchtmilch für Katzen. Viele Aufzuchtstationen verwenden für Nager unter anderem K.M.R. Katzenmilch-Pulver von Fox Valley Nutrition. Letztgenannte gibt es beim Tierarzt, andere Produkte auch in der Zoohandlung. Andere Mäusepäppler schwören auf Aufzuchtmilch aus Ziegenmilch, da diese besonders leicht verdaulich sein soll. Kommen Sie nicht schnell genug an eine solche Milch, können Sie solange auch eine Mischung aus Fencheltee, etwas Traubenzucker und einigen Krümeln (!) Salz füttern. Eine Dauerlösung ist diese Mischung aber nicht, da ihr das notwendige Protein fehlt. Sie können sowohl dieser Mischung, als auch der Milch etwas Sab Simplex zusetzen, um die Wahrscheinlichkeit von Blähungen zu mindern.
Damit sich die Babys nicht verkühlen, muss die Milch handwarm sein.

Wichtig: Wenn Sie sich einmal für eine Milch entschieden haben, bleiben Sie dabei. Ein Wechsel kann tödliche Verdauungsprobleme provozieren. Dabei sind die kleinen Zöglinge umso empfindlicher, je jünger sie sind.
Zum Füttern eignen sich Laborpipetten, Zitzenkanülen oder Braunülen (gibt´s beim Tierarzt oder in der Apotheke), die auf Spritzen gesteckt werden. Optimal ist aber die Nuckelflasche von Gimborn, deren Aufzuchtset auch einen mausbabygeeigneten Nuckelaufsatz enthält.

3. Bauchmassage

Massieren Sie nach jeder Fütterung den Bauch des Babys 3 bis 5 Minuten lang in kreisenden Bewegungen mit einem kleinen Wattestäbchen, um die Verdauung anzuregen.
Kontrollieren Sie auch regelmäßig, dass das Baby Kot und Urin absetzt.
Die Massage mit dem Stäbchen ersetzt die Massage, die die Mutter in der Natur ausführt, wenn sie ihrem Baby den Bauch ableckt. So regt sie die Verdauung ihrer Babys an.

4. Wärmezufuhr

Ca. 14 Tage alte Gelbhalsmäuse
Gemeinsam bessere Chancen: Ca. 14 Tage alte Gelbhalsmäuse

Sehr kleine Mäusekinder benötigen bis zur Entwöhnung eine zusätzliche Wärmequelle, da sie ihre Körpertemperatur noch nicht allein halten können.
Im Notfall leistet eine Wärmflasche oder – so eine solche nicht vorhanden ist – ein geschlossenes Glas mit warmem Wasser, umwickelt mit einem Handtuch, gute Dienste. Besser geeignet sind Heizmatten oder Heizsteine, die dauerhaft eine regelmäßige Wärme abgeben. Auch Rotlicht ist eine gute Wärmequelle, da es zusätzlich noch das Immunsystem stimuliert und eine gleichmäßige, tiefe Wärme bietet. Als Alternative bieten sich Wärmestrahler aus Keramik an.
Kontrollieren Sie regelmäßig mit der Hand, dass es für das Baby nicht zu heiß wird.
Die Heizung ist für die kleinen Babys ungeeignet, da sie punktuell deutlich zu heiß und an anderer Stelle wieder zu kalt wird. Hier wurden schon Mäusebabys gegrillt oder sind erfroren.

5. Fütterungsabstand und Alter

Als Faustregel gilt für Babys, die noch nicht fest fressen, ein Fütterungsintervall von 2 bis 3 Stunden (fast alle Echten Mäuse und Rennmäuse) bzw. 1 bis 2 Stunden (Knirpsmaus- und Zwergmauskinder, alle Spitzmäuse) am Tag und ein Intervall von 3 bis 4 bzw. 2 bis 3 Stunden in der Nacht. Spitzmäuse sollten Sie auch nachts alle 1 bis 2 Stunden füttern, wenn sie es annehmen. Die Intervalle können vergrößert werden, wenn Sie beim Füttern merken, dass das Baby von der letzten Mahlzeit noch satt ist.
Fangen die kleinen Mäuse an, fest zu fressen, stellen Sie ihnen immer festes Futter zur Verfügung und vergrößern die Milchintervalle stetig. Für den Übergang zu festem Futter können Sie Körnerfressern auch Haferschleim anbieten, den Sie mit der Aufzuchtmilch anrühren können. Schmelzflocken sind zudem eine gute Übung für das erste, “richtige” Futter. Bei Spitzmäusen ist das weiche Innere von Zophobas und Mehlwürmern ein guter Ersatz für den ersten Brei.

Babys ohne Fell sind wenige Stunden bis wenige Tage alt. Bis zum Alter von etwa 14 Tagen sind die Augen der meisten Arten noch geschlossen. Der genaue Zeitpunkt von Fellwuchs und dem Öffnen der Augen variiert von Art zu Art leicht.
Babys, die noch mit geschlossenen Augen gefunden werden, haben eine deutlich geringere Überlebenschance als ältere Mäusekinder. Öffnen sie die Augen während der Aufzucht und überstehen diese Phase gut, steigen ihre Chancen, groß zu werden, enorm. Oft entscheidet sich in den Tagen rund um das Öffnen der Augen, ob der kleine Pflegling es schafft oder nicht.
Wenn die Augen komplett offen sind, können Sie die erste feste Nahrung anbieten. Bei allen mausartigen Nagern sind das natürlich Mischungen für Mäuse, bei Spitzmäusen lebende oder tote Futterinsekten und frisches Tartar. Auch kleine Rationen Kräuter und Gemüse werden von älteren Tieren gefressen.

6. Auswildern

Ausgewachsene Waldmaus auf der Hand
Ausgewachsene Waldmaus auf der Hand: DAS sollte nicht mehr funktionieren, wenn sie ausgewildert wird!

Nach deutschem Recht ist es verboten, wilde Tiere als Haustiere zu halten. Sie müssen also in der Regel alle gefundenen Tiere wieder in die Natur zurückbringen.
Auch wenn sie als sehr kleine Babys gefunden wurden, können Sie die meisten kleinen Mäusekinder nach etwa 8 bis 12 Wochen in die Freiheit entlassen. Schlagen Sie nach, wo die von Ihnen gefundene Art zu Hause ist, und entlassen sie die Kleine(n) mit etwas Futter an einer geeigneten Stelle in die Freiheit.
Vorbereitend können Sie dem Kleinen schon Futter und Gegenstände aus seiner künftigen Umgebung anbieten, damit es seine natürliche Nahrung und den Geruch seiner neuen Heimat kennen lernt. Außerdem sollten Sie schon einige Tage vor der Auswilderung beginnen, Streu und Heu der Maus dort zu verteilen, wo sie ausgewildert werden soll. So hat sie draußen schon eine vertraute Note und andere Mäuse können sich auf den neuen Nachbarn einstellen. Wenn Sie das Tier dann entlassen, können Sie noch zur Erleichterung der Umgewöhnung für ein paar Tage Futter an der Stelle hinterlassen.
Im Idealfall „trainiert“ der Findling vorher in großen Gehegen ab 2 qm für die große Freiheit.

Füttern Sie schon ab etwa der 4. Woche nicht mehr aus einer Schüssel, sondern im Gehege verstreut, damit die kleine Maus lernt, ihr Futter selbst zu suchen.

Vor der Auswilderung sollten folgende Fragen geklärt sein:

  • Ist das Tier gesund und normal entwickelt?
  • Ist das Tier artspezifisch scheu genug?
  • Flüchtet es vor fremden Geräuschen, Bewegungen und Schatten?
  • Ist es fähig, allein Nahrung zu suchen?
  • Nur für Spitzmäuse essenziell: Kann es selbst Insekten erbeuten?

Es gibt jedoch Fälle, die gegen eine sofortige oder generell gegen eine Auswilderung sprechen:

Gelbhalsmäuse im Winterquartier
Gelbhalsmäuse im Winterquartier

1.) Das Baby wird sehr spät im Jahr gefunden und hat durch die Aufzucht in warmen Räumen kein (ausreichendes) Winterfell ausgebildet. Zudem ist der Kontrast von warmen Räumen zur kalten Außentemperatur dann zu groß. Ab Ende Oktober/ Anfang November haben die Kleinen keine gute Chance mehr draußen. Sie sollten mindestens bis April, je nach Wetterlage evtl. sogar bis Anfang Mai überwintert und dann rausgesetzt werden. Vermeiden Sie beim Überwintern des Tieres jeden unnötigen Kontakt, damit es scheu und so überlebensfähig bleibt. Halten Sie es nach Möglichkeit in einem kühlen Raum.

2.) Das Baby ist nicht normal entwickelt. In diesem Fall bleibt das Mäuschen besser in menschlicher Obhut. Um dem Tier ein möglichst artgerechtes Leben zu garantieren, sollten Sie für artgleiche oder zumindest bedürfnis- und verhaltensähnliche Partner und ein großes Gehege sorgen. Dies kann etwa durch eine Abgabe an Wildschutzstationen, Nagernotstationen oder Tierparks geschehen. Auch das Mäuseasyl hilft gern weiter.

3.) Das Baby ist zu zahm. Auch dann kann es nicht ausgewildert werden. Die beste Lösung ist dann dieselbe wie für nicht normal entwickelte Mäusekinder.
Allerdings sind manche Tiere einfach Spätzünder. Werden sie nicht übermäßig verhätschelt werden, verwildern die kleinen Findlinge von ganz allein mit der Zeit. Manche sind schon nach 4 Wochen soweit. Andere brauchen 12 Wochen und länger. Warten Sie also mindestens ein Vierteljahr, bevor Sie beschließen, eine wilde Maus drin zu behalten.

7. Scheue Mäuse behalten?

 Manche Mäuseeltern haben sich so in ihren Zögling verliebt, dass sie ihn nicht wieder hergeben möchten, obwohl er scheu und draußen überlebensfähig ist. Das ist verständlich. Aber was bedeutet es für das Tier?
In erster Linie bedeutet es Stress, je nach Gehegegröße und (mangelnder/ nur artfremder) Mitbewohnerschaft auch Langeweile. Manche Tiere sterben früh durch Angst und Stress, da sie für ständigen Kontakt mit Menschen nicht geboren wurden. Einige Tiere springen so lange an einer Gehegewand hoch, weil sie raus wollen, dass sie irgendwann an Erschöpfung sterben. Da die meisten Fundtiere Einzelkinder sind und dieselbe Art oft nicht verfügbar ist als Partnertier, vereinsamen diese Mäuse zudem und leiden auch unter der Einsamkeit.
Widerstehen Sie daher der Versuchung, Ihren Schützling um jeden Preis zu behalten. Sie machen sich nicht nur strafbar, sondern tun auch Ihrem Zögling nichts Gutes.

Im Video sehen Sie eine Hausmaus, die schon deutliche Scheu zeigt. Entstanden sind die Aufnahmen 14 Tage vor dem Auszug.

8. Mitbewohner für Waisenkinder

 3 Waldmäuse lernen sich fürs Winterquartier kennen
Optimale Lösung: 3 Waldmäuse lernen sich fürs Winterquartier kennen

Mäuse sind in der Regel soziale Tiere. Im Idealfall wachsen die kleinen Mäusefindelkinder also nicht allein auf. Werden mehrere gefunden, fehlt zwar das erwachsene Vorbild, zumindest haben diese Waisenkinder aber artgleiche Gesellschaft. Schwieriger wird es mit Einzelkindern. Um psychisch gesund zu bleiben, sollten sie nicht allein groß werden. Besonders wichtig ist das, wenn die Kleinen drin überwintern müssen.

Wenn Sie nach Freunden für Ihre Findlingsmaus suchen, sollten Sie vorher die genaue Art bestimmen. Nur so können Sie auch die passenden Mitbewohner auswählen. Im Idealfall sind das Mäuse derselben Art. Finden Sie keine artgleichen Partner, sollten Sie nach Arten mit ähnlichen Bedürfnissen und Verhaltensmustern Ausschau halten. Welche Arten sich als Partner eignen, dazu kursieren einige sehr kühne Theorien im Netz. Daher hier aus meiner Erfahrung einige Kombinationen mit als Haustiere gehaltenen Arten, die sich für die Wildmäuse als sinnvoll erwiesen haben:

  • Feldmaus – Rötelmaus (einander nahestehende Gattungen, Hybriden bei gegengeschlechtlicher Haltung möglich)
  • Gelbhalsmaus – muss allein bleiben oder Artgenossen finden (frühstückt Haustierkumpels und Waldmäuse!)
  • Hausmaus – Farbmaus (selbe Art, gegengeschlechtliche Haltung gibt Nachwuchs!)
  • Rötelmaus – Rötelmaus (selbe Art, gegengeschlechtliche Haltung gibt Nachwuchs!)
  • Waldmaus – Hirschmaus oder Küstenmaus (verschiedene Gattungen, keine Fortpflanzung möglich)

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